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Aktuelles

„Zu früh geboren?“

21.10.2017

Mit der Eröffnung des Perinatalzentrums Level I an der Klinik für Kinder und Jugendliche am Diak Schwäbisch Hall wird Spitzenmedizin mit einem familienorientierten Ansatz in Geburtshilfe und Neugeborenenmedizin kombiniert. Anlässlich dieses neuen Versorgungsangebots für junge Familien wurde am Samstag, 21. Oktober 2017, im Adolf-Würth-Saal der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall ein Fachsymposium mit über 50 Teilnehmer aus den Bereichen Kinder- und Frauenheilkunde veranstaltet.

Michael Kilb, Vorstandsmitglied des Evangelischen Diakoniewerks, begrüßte das Fachpublikum und freut sich über die höchste Versorgungsstufe für Früh- und Neugeborene in Schwäbisch Hall. „Gegründet wurde die Klinik für Kinder und Jugendliche im Jahre 1890 im Johanniterhaus“ – so Kilb. 124 Jahre später, im Jahre 2014, wurde die neue Klinik für Kinder und Jugendliche bezogen. Die Geburtshilfe am Diak ist etwas jünger und stammt aus dem Jahre 1919. In 2016 wurden im Diakonie-Klinikum über 1.300 Kinder geboren. Hieraus ergibt sich, dass am Diak die Versorgung von den Allerkleinsten seit vielen Jahren eine sehr wichtige Rolle spielt, auch weit über die Kreisgrenzen hinaus.

Fünf Fachleute veranschaulichten mit Bilder und Videos, was sich in der Versorgung der Allerkleinsten Neues getan hat. Dr. med. Wolfgang Lindner, Kommissarischer Leiter der Sektion Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin des Universitätsklinikums Ulm, zeigte Ergebnisse des Neonatologie-Netzwerkes der Arbeitsgemeinschaft Ulm (ARGE Ulm). „Um die Neugeborenen-Versorgung in der Region zu verbessern, haben sich seit über 30 Jahren die Kinderkliniken in Ost-Württemberg / Oberschwaben zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen mit den geburtshilflichen Abteilungen dieser Kliniken zusammengeschlossen,“ – berichtete Dr. Lindner. Unter diesen Kinderkliniken befindet sich auch die Klinik für Kinder und Jugendliche in Schwäbisch Hall. Alle beteiligten Kliniken tauschen ihre Erfahrungen und Gedanken intensiv aus, damit die neonatologische Versorgungsqualität kontinuierlich verbessert werden kann.

Anschließend berichtete Professor Dr. med. Franz Kainer, Chefarzt der Abteilung für Geburtshilfe und Perinatalmedizin in der Klinik Hallerweise in Nürnberg, über das Management von perinatologischen Notfällen. Schlimme Erfahrungen im Kreißsaal wie ein totgeborenes Kind oder eine verletzte Mutter begünstigen eine posttraumatische Belastungsstörung, wovon auch Ärzte und Hebammen stark betroffen sein können. „In Stresssituationen, wenn beispielsweise zuerst das Beckenende des ungeborenen Kindes vorangeht oder eine Notoperation durchgeführt werden muss, ist vor allem neben der fachlichen Kompetenz die gute Kommunikation und Zusammenarbeit innerhalb des Perinatalteams gefragt,“ – so der Experte. Im Ernstfall ist jede Sekunde entscheidend. Um sich in einem solchen Notfall Routine anzueignen, ist ein Simulationstraining in der Geburtshilfe immer sinnvoll. „Studien zeigen, dass durch solche Simulationen Ergebnisse auf allen Ebenen verbessert werden, praktische Fertigkeiten zunehmen und die Teamkommunikation ausgebaut wird“ – sagte Prof. Dr. Kainer.

Der Schwäbisch Haller Ultraschallexperte Professor Dr. med. Andreas Rempen, Chefarzt der Frauenklinik am Diakonie-Klinikum, sprach über den „Einsatz der Dopplersonographie in der Geburtshilfe“. Die Dopplersonographie wird durchgeführt, um Risiken für Mutter und Kind zu erkennen und dadurch zu mindern. Diese ist eine der nichtinvasiven Methoden der Diagnostik und ermöglicht die Bewertung der Blutströmung in Gefäßen. „Eine Dopplersonographie wird nicht bei jeder Schwangerschaft eingesetzt. Eine solche Untersuchung als Mutterschaftsvorsorge ist beispielsweise nur zulässig, wenn ein begründeter Verdacht auf Fehlbildung oder Erkrankung des Säuglings besteht,“ – sagte Prof. Dr. Rempen. Mit diesem Verfahren soll versucht werden, den optimalen Zeitpunkt der Entbindung herauszufinden.

„Der Landkreis Schwäbisch Hall habe die dritthöchste Kinderzahl je Frau in den Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs mit 1,68 Kindern“ – weiß Professor Dr. med. Andreas Holzinger, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche. Er ging in seinem Vortrag auf die Entstehung, Zertifizierung und Bedeutung des Perinatalzentrums für die Region ein. Ein Team aus Ärzten (darunter auch Neonatogen), Psychologen, Pflegekräften und Seelsorgern kümmert sich im Diak um die kleinen Patienten auf insgesamt vier Stationen (davon eine Intensivstation). „Um sich Perinatalzentrum Level I nennen zu dürfen, muss ein umfangreicher Anforderungskatalog erfüllt werden, sowohl von Seiten der Geburtshilfe als auch von Seiten der Neugeborenenmedizin. Wir haben uns diesen Herausforderung angenommen und die erforderlichen Strukturen dafür geschaffen, sodass eine bestmögliche Qualität für jede Geburt gegeben ist,“ - erzählte Prof. Dr. Holzinger. So wird die Rund-um-die-Uhr-Versorgung u.a. durch Ärzte mit dem Schwerpunkt Geburtshilfe und Perinatalmedizin sowie Neonatologie und Kinderkardiologie sichergestellt. Auch eine kinderchirurgische Rufbereitschaft und eine Versorgung vor Ort sind eingerichtet. Im Sozialpädiatrischen Zentrum der Klinik für Kinder und Jugendliche muss jedes Frühgeborene im Alter von 24 Monaten mit spezifischen Testverfahren von einem geschulten Team nachuntersucht werden. „Somit ist eine optimale Versorgung der Allerkleinsten unter einem Geburtsgewicht von 1.250 Gramm und vor der 29. Schwangerschaftswoche in Schwäbisch Hall gewährleistet,“ - sagte der Chefarzt.
Binnen kürzester Zeit können somit kleine Frühgeborene mit typischen Problemen des Darms operiert werden. Dafür wurde ein Bereitschaftsdienst der kinderchirurgischen Klinik des Olgahospitals in Stuttgart eingerichtet, über den ein Kinderchirurg schnellstmöglich ans Diak kommt und operiert. Über diese mobile kinderchirurgische Versorgung der Früh- und Neugeborenen referierte Dr. med. Oliver Diez, Oberarzt der Kinderchirurgischen Klinik am Olgahospital in Stuttgart. Dr. Diez ging zuerst auf die bei Frühgeborenen vorkommende Darmverdrehung (auch Volvulus genannt) und auf die nekrotisierende Enterokolitis (NEC), was die Entzündung und das Absterben verschiedener Abschnitte der Darmwand bezeichnet, ein. Wenn ein solcher Fall, der selten eintritt, existiert, dann werden die Daten und Diagnosen zwischen Stuttgart und Schwäbisch Hall ausgetauscht. „Ein Beschluss wie und wo das Kind weiterversorgt wird, wird gemeinsam getroffen und jeweils im Einzelfall entschieden.“ – so Dr. Diez. Trotz der Entfernung Stuttgart - Schwäbisch Hall verzeichnen sich keine Nachteile für die Allerkleinsten, da die einstündige Fahrtzeit der üblichen Vorbereitungszeit bis zu einer Operation mindestens eine Stunde beträgt. Sein Resümee: „Die mobile kinderchirurgische Versorgung Früh- und Neugeborener ist gut und sicher möglich, die Zusammenarbeit erfolgt auf hohem Niveau und der Gewinn betroffener Kinder ist sehr hoch.“

Die Besucher nutzten rege die Möglichkeit mit den Kollegen ins Gespräch zu kommen. Im Anschluss zum Symposium konnte die Frühgeborenen-Intensivstation während einer Führung besucht werden.

Bild zu „Zu früh geboren?“

© 2017 Diakonie-Klinikum Schwäbisch Hall